
Von der Notwendigkeit, die Integration ausländischer Mitbürger zu verbessern, ist viel die Rede. Vor allem türkischstämmige Menschen seien noch nicht genügend in die deutsche Gesellschaft eingegliedert, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU). Nach einer im Januar veröffentlichten Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung bilden Mitbürger türkischer Herkunft die mit Abstand am schlechtesten integrierte Einwanderergruppe. Wie gut jedoch das Zusammenleben von Türken und Deutschen auch funktionieren kann, zeigt das Beispiel des DRK-Kreisverbandes Ravensburg. Mit seiner Hilfe haben türkische und deutsche Frauen in Weingarten zusammen gekocht und ein opulentes türkisches Festessen zubereitet.
Im DRK-Heim in Weingarten herrscht an diesem Nachmittag rege Betriebsamkeit. Um die langen Tische im großen Versammlungsraum sitzen türkische und deutsche Frauen, die auf den bemehlten Flächen Teigklumpen hauchdünn walzen und kleinste, nur daumenkopfgroße und mit gewürztem Hackfleisch gefüllte Nudeltäschchen formen. Einige der deutschen Frauen haben ihre Männer mitgebracht, die sichtbare Mühe haben, die Fingerfertigkeit nachzuahmen, mit der die an Tortellini erinnernden Winzlinge hier zu Hunderten entstehen. Manti heißt diese Spezialität, die auch als anatolische Version schwäbischer Maultaschen im Miniformat durchgehen könnte. An anderer Stelle entstehen Gözleme, große Teigtaschen, die später, gefüllt mit einer Mischung aus Spinat, Zwiebeln und Petersilie, auf Grillplatten gegart werden. Auf gewaltige Gaskocher hat man Riesentöpfe gesetzt. In einem brodelt Suppe, in einem anderen wird mit einiger Kraftanstrengung ein aus Mehl, Öl, Zucker und etwas Wasser bestehender zäher Brei gerührt, der schließlich Helva, die türkische Süßspeise, ergibt. In der Küche türmen sich derweil Berge von Salat, der gewaschen, zerkleinert und gemischt wird…
Es wird viel gelacht, die Stimmung unter den emsig hantierenden 16 Frauen und vier oder fünf Männern ist ausgelassen und fröhlich. Die Idee zu dieser gemeinsamen, auf das leibliche Wohl zielenden Aktion bestand schon länger, erzählt Bereitschaftsleiter Wolfgang Pfau, dem die Freude über diese türkisch-deutsche "Küchenschlacht" anzusehen ist und der seinen Vater Anton mitgebracht hat, der lange Jahre an der Spitze der Bereitschaft Weingarten stand und heute Ehrenkreisbereitschaftsleiter ist. Auch dem 83-Jährigen steht das Vergnügen angesichts des kollektiven Köchelns und Brutzelns ins Gesicht geschrieben. Dass aus dem Plan schließlich Wirklichkeit wurde, ist aber vor allem das Verdienst von Özlem Senoglu. Sie ist hier aufgewachsen, kann schönstes Schwäbisch "babbla" und hilft seit Langem ihren türkischen Landsleuten, die deutsche Sprache zu erlernen. Die immer lächelnde Frau hat ihre Freundinnen und Bekannten mobilisiert und an diesem Kochnachmittag zusammengeführt. Özlem Senoglu hält das Heft in der Hand, wieselt hin und her, gibt Anweisungen, sieht nach dem Rechten und ermahnt immer mal wieder, sich zu sputen…
Die türkischen Frauen kommen einmal wöchentlich zum "multikulturellen Kommunikationstreff" zusammen, der auch in diesem Haus stattfindet und für den die Servicestelle Ehrenamt des DRK-Kreisverbandes Ravensburg, der sich einer verbandsinternen "interkulturellen Öffnung" verschrieben hat, die Vernetzungsarbeit geleistet hat. Unter den ausländischen Frauen befindet sich, als einzige Nichttürkin, auch Angélica Murawski. Die Brasilianerin aus dem Bundesstaat Bahia kam vor drei Jahren nach Deutschland. Sie musste nicht lange gefragt werden, ob sie hier mithelfen wolle.
Gut zweieinhalb Stunden sind vergangen, als endlich die Tische gesäubert werden können. Aus den mit Geräten, Teigresten und Zutaten übersäten Arbeitsflächen ist eine festlich gedeckte Tafel geworden, auf der sich eine Platte an die andere reiht, belegt mit all den Köstlichkeiten, die bei diesem freundschaftlichen Kraftakt entstanden sind. Gegenüber haben sich die Frauen und Männer um die gedeckten Tische gruppiert und nehmen erwartungsvoll die riesigen Portionen in Empfang, die ihnen, in orientalischer Farbenvielfalt und verführerisch duftend, auf die Teller gezaubert worden sind.
Seher Canbulat (links) und Özlem Senoglu freuen sich, dass das Essen bald losgehen kann.