
125 Jahre Rotes Kreuz in Ravensburg
Als der Genfer Kaufmann Henry Dunant im Juni 1859 im oberitalienischen Solferino südlich des Gardasees eintraf, um Napoleon III. seine Aufwartung zu machen, wurde er Augenzeuge einer schrecklichen Schlacht zwischen einem italienisch-französischen Befreiungsheer auf der einen Seite und dem österreich-ungarischen Heer auf der anderen Seite. Von den 300.000 Mann, die sich gegenüber standen, mussten 40.000 Soldaten ihren Einsatz mit dem Verlust ihres Lebens oder ihrer Gesundheit bezahlen. Die unmenschlichen Bedingungen, denen die Verwundeten ausgesetzt waren, veranlassten ihn, mit Unterstützung der Frauen des Ortes die Versorgung der Soldaten ohne Ansehen der Nationalität zu organisieren. Aus dieser Solidaritätsaktion „Tutti Fratelli – Alle Menschen sind Brüder“ entstand 1863 das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Im gleichen Jahr entstanden in Mitteleuropa erste Sanitätsvereine.
Bereits im deutsch-französischen Krieg 1870/71, als verwundete Krieger „treu und aufopfernd“ auch in Ravensburg gepflegt wurden, entstand der Gedanke an die Gründung einer Sanitätskolonne. Im Mai 1884 war es endlich so weit, dass ein Aufruf zur Gründung begeisterten Widerhall fand. 36 Mitglieder des Kriegervereins, 18 Mitglieder des Turnvereins und zwei Jahre später 22 Mitglieder des Militärvereins folgten dem Ruf. Die im Protokollbuch aufgeführten Familiennamen sind vielen Ravensburgern auch heute noch geläufig: Bantle, Bierer, Bertsch, Böhler, Ehrat, Erb, Habnit, Knoblauch, Rösch, Sommer, Specht, um nur einige zu nennen. Kaufmann Bierer wurde zum ersten Kolonnenführer, Dr. Bumiller zum 1. Kolonnenarzt (damals Instrukteur genannt) und Wundarzt Müller zum 2. Kolonnenarzt gewählt. Die Aufnahme in den württembergischen Landesverein als III. Kolonne fand 1885 statt. Bereits 1886 konnte die Kolonne auf der Kuppelnau bei einer Übung vor Königin Olga ihr Können unter Beweis stellen. Ob auch der Gründer des Roten Kreuzes, Henry Dunant, die Kolonne einmal besuchte, ist in den Annalen nicht festgehalten aber durchaus realistisch, da Dunant zu dieser Zeit im schweizerischen Heiden lebte und gelegentlich private Besuche in Wilhelmsdorf unternahm.
Zum silbernen Jubiläum im Jahre 1909 fand am 19. September unter großer Beteiligung der Bevölkerung und zahlreicher Ehrengäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine so genannte Serienübung mit den Sanitätskolonnen aus Ravensburg, Ulm, Biberach, Tuttlingen, Schwenningen und Waldsee statt. Die Übungsannahme war ein Explosionsunglück bei der Maschinenfabrik Escher Wyss & Cie., bei dem 50 „Verletzte“ zu beklagen waren. Ein Teil der Mimen wurde in einen Sanitätszug verladen, andere auf Pritschenwagen unter Zuhilfenahme des Nörpelschen Transportsystem, das vom Ravensburger Kolonnenführer und Apotheker Theodor Nörpel erfunden wurde und internationale Anerkennung fand.
Am 26. August 1914 um 1 Uhr in der Nacht traf der erste Verwundetenzug mit 277 deutschen und französischen Soldaten in Ravensburg ein. Der 95. und letzte Verwundetenzug erreichte mit 176 Verletzten am 15. November 1918 Ravensburg. Die Verwundeten und Kranken mussten in Lazarette geschafft werden, u. a. im Katholischen Gesellenhaus Ravensburg (jetzt Institut für Soziale Berufe GmbH, Kapuzinerstraße). Die 25 freigestellten Sanitäter hätten ohne die freiwilligen Helferinnen diese Aufgabe nicht erfüllen können. 49 Kolonnenmitglieder wurden eingezogen, 5 sind gefallen. So wird von der Hauptversammlung am 8. März 1919 im Gasthaus von Gottfried Rösch-König (Humpishaus) berichtet, wo des gefallenen Kameraden Walz gedacht wurde.
Im Jahre 1934 feierte die Sanitätskolonne Ravensburg unter Leitung des Kolonnenführers Alois Erb und des Kolonnenarztes Dr. Wörz ihr 50-jähriges Jubiläum, dabei waren auch die 1930 gegründeten Abteilungen Zußdorf, Eschach und Grünkraut. 1933 war eine Ski-Rettungsabteilung ausgebildet worden und vom Kolonnenmitglied Rist ein Rettungsschlitten auf Ski erfunden worden.
Im Zweiten Weltkrieg kamen zwischen 13. Juni 1940 und 6. März 1945 118 Lazarettzüge nach Ravensburg. Da viele Bereitschaftsmitglieder einberufen wurden, hatten die weiblichen Bereitschaftsmitglieder den größten Teil der Last zu tragen. Zwei Frauen, die diese schlimme Zeit erlebt haben, sind noch heute Mitglieder in der DRK-Bereitschaft Ravensburg. Aber es gab auch einen Lichtblick für Ravensburg. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs suchte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz einen Lagerort in Süddeutschland als Liebesgabendepot. Im Wüwa-Lagerhaus (Württembergische Warenhaus-Gesellschaft) am Bahnhof wird dieses Depot eingerichtet und mit einem riesigen roten Kreuz auf weißem Grund auf dem Dach und dem Schweizer weißen Kreuz auf rotem Grund unter Rot-Kreuz-Schutz gestellt. Zum Schutz vor Bombardierung dreht ein britisches Flugzeug seine Runden über Ravensburg, bis alle Staffeln informiert waren und verhindert so die Zerstörung der Stadt durch feindliche Bomber. Während des ganzen Krieges gab es glücklicherweise nur wenige Bombenabwürfe und Tieffliegerangriffe. Dabei kamen im „Roten Haus“, wo eine Bombe im Gefängnishof einschlug, mehrere Gefangene und ein Aufsichtsbeamter ums Leben, außerdem ein Straßenpassant.
1959 fanden anlässlich des 75-jährigen Jubiläums Feierlichkeiten im Kolpinghaus Ravensburg statt. Der Bevölkerung wurde bei einer Übung an der Kuppelnau die Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Bei einem Zusammenstoß zwischen einem vollbesetzten Omnibus und einem Lkw waren zahlreiche „Verletzte“ zu versorgen. Dabei kamen auch vier Krankenwagen mit Sprechfunk und ein amerikanischer Militär-Hubschrauber zum Einsatz. Anschließend gab es noch eine Strahlenschutzübung zu sehen, ganz im Sinne der damaligen gefühlten Bedrohung durch atomare, biologische und chemische Kampfstoffe zu Zeiten des Kalten Krieges.
1984 feierte die DRK-Bereitschaft Ravensburg ihr 100-jähriges Jubiläum. Am 20. Oktober fand nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Liebfrauenkirche ein Festakt mit geladenen Ehrengästen im Konzerthaus statt. Von den damaligen Bereitschaftsmitgliedern sind noch immer 15 Helferinnen und Helfer aktiv.
Seit 1988 hat die DRK-Bereitschaft Ravensburg ihre Unterkunft im DRK-Rettungszentrum in der Ulmer Straße, in dem der im Jahr 2000 gegründetes DRK-Ortsverein der DRK-Kreisverband, die DRK-Rettungsdienst-gGmbH und die integrierte Rettungsleitstelle untergebracht sind.
Autor: Alfred Mühlegg